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Die
Lebenslüge der verfassungstreuen Rechten – ein Nachwort
Zum
Wahlausgang in NRW (2005):
Von Jürgen Schwab
Für NPD und DVU stellt der Ausgang der Landtagswahl von NRW
einen doppelten Schlag ins Kontor dar: Zum einen ist das Ergebnis
von 0,9 Prozent für die NPD mehr als bitter, zum anderen kommt
die Bundestagswahl, die nun wohl im Herbst dieses Jahres ins Haus
steht, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
Es ist davon auszugehen, daß der Partei aufgrund der fehlenden
Wahlkampfkosten-erstattung, die bei einem Prozent eingesetzt hätte,
nun ein finanzielles Loch im sechsstelligen Euro-Bereich entstanden
ist. Da nutzt es nichts mehr, den enttäuschten Mitgliedern
und Anhängern Sand in die Augen zu streuen, zu behaupten, das
"erste Wahlziel", die Reps unter der 1-Prozent-Marke zu
drücken, sei ja immerhin erreicht worden (REP-Ergebnis: 0,8
Prozent), man sei außerstande gewesen, in allen Wahlkreisen
anzutreten, davon abgesehen habe man die Anzahl der Gesamtstimmen
vervielfacht, zudem seien ja "Spitzenergebnisse" erzielt
worden, die deutlich über dem Durchschnitt liegen.
Daß in Anbetracht des dürftigen personellen Angebots
(quantitativ wie qualitativ) in einem großflächigen und
dichtbesiedelten Land wie NRW nicht viel mehr zu erreichen gewesen
war, ist zunächst einmal Ausgangspunkt der Erkenntnis. Die
Frage ist nur, warum die Partei in NRW nicht besser aufgestellt
gewesen war?
Die Wahrheit ist, daß die NPD bundesweit insgesamt schlecht
aufgestellt ist. Das trifft übrigens auch auf Sachsen zu, wo
man bestenfalls vor der Landtagswahl im September 2004 strukturell
und durch eine höhere Mitgliederzahl besser dagestanden war,
und man aufgrund der logistischen Vorleistung (DS-Verlag in Riesa,
kommunale Präsenz) sowie der Akzeptanz in Teilen der Jugendszene
bessere Karten in der Hand hatte. Die "Professionalisierung",
von der in bezug auf die Sachsen-NPD seit neuerem in den Medien
die Rede ist, ist dann wohl eher die Nachwirkung des Wahlerfolgs,
also die Folge größerer finanzieller Möglichkeiten
(Fraktionsgelder); vor allem wenn man sich das personelle Angebot
in der "zweiten Reihe" (an Assistenten) der Landtagsfraktion
näher ansieht.
Als Fazit aus den zurückliegenden NPD-Wahlniederlagen in Schleswig-Holstein
und NRW bleibt: NPD und DVU können nicht davon ausgehen, daß
die Proteststimmung im Wahlvolk immer die Spitzenwerte erreicht,
wie sie – durch Eigenleistung und vor allem durch günstige
Umstände – im Spätsommer 2004 entstanden war. Bei
der sächsischen Landtagswahl hatte alles zusammengepaßt:
Sommerloch und Anti-Nazi-Hysterie, Hartz IV, zuvor ein Achtungserfolg
an der Saar, drei Wochen später schaukelte sich die Stimmung
für die NPD bis auf die 9,2 Prozent in Sachsen hoch.
Nach den Wahlausgängen in Schleswig-Holstein und NRW scheint
die NPD nun wieder das geworden zu sein, was sie vorher schon gewesen
war: eine Vossy-Partei, die Mühe hat, im Westen die 1-Prozent-Wahlkampfkosten-Marke
zu nehmen, im "Osten" dürfte sie derzeit in der Wählergunst
in allen Ländern deutlich unter der 5-Prozent-Hürde liegen.
Was wäre zu tun? Diese Frage stellen wir unabhängig der
Tatsache, daß die NPD-Führung resistent kritikunfähig
und aufnahmeunfähig für Belehrungen ist. Aber vielleicht
hilft ja jetzt die Tatsache weiter, daß man wieder auf dem
Boden der Tatsachen angekommen sein dürfte. Man soll jedenfalls
die Hoffnung niemals aufgeben! Die vielen Zeitungs- und Fernsehinterviews,
die Udo Voigt nach dem Sachsen-Wahlerfolg gegeben hatte, und die
eine neue Traumwelt schufen, haben in den letzten Monat deutlich
abgenommen, und der zermürbende NRW-Wahlkampf ist nun endlich
vorbei, die Schlacht geschlagen und verloren, so daß der Parteivorsitzende
nun die Zeit und Muße finden könnte, der Wirklichkeit
ins Auge zu sehen.
Nötig ist vor allem ein besseres Reflexionsniveau, das sich
zunächst in der realistischen Einschätzung der eigenen
Möglichkeiten von NPD-"Realpolitikern" auszeichnet.
Nach dem Sachsen-Wahlerfolg hatte man den Eindruck, NPD-Politiker
müßten nun der ganzen Welt erklären, welche Ziele
die "Volksfront von rechts" nun eigentlich hat. Doch wen
interessiert das schon? Die Medien, die darauf bedacht sind, rechte
Prahlhänse vorzuführen! "Reichstag 2006" war
das große Zauberwort, das zum Dammbruch bei Wählern und
Neumitgliedern führen sollte, und ein Dresdner Fraktionsmitarbeiter
fabulierte gar in einem rechten Magazin von Regierungsbeteiligung.
Aber warum sollte ein deutscher Patriot, der noch nie NPD und DVU
gewählt hat, dieses Gespann einer "Volksfront von rechts"
in den "Reichstag" wählen? Großspurige Ankündigungen
sind noch kein attraktives Angebot für die neue potentielle
Kundschaft, sie wirken eher unseriös und schrecken selbstbewußte
Kunden ab. Jetzt dürfte es nicht einmal für den "Bundestag
2005" reichen.
Welcher NPD-Politiker wäre schon in der Lage, einem überdurchschnittlich
gebildeten Bürger zu erklären, was überhaupt "Volksgemeinschaft"
ist, worin der soziologische Unterschied von Gemeinschaft und Gesellschaft
besteht, der von Staat und Gesellschaft, Volk und Nation, Demokratie
und Parlamentarismus, und so weiter und so fort. Und über die
"Volksgemeinschaft" hat es noch nicht einmal innerhalb
der NPD-Führung eine nennenswerte Bewußtseinsbildung
gegeben. Es geht auch nicht darum, daß Jürgen W. Gansel,
Karl Richter, Andreas Molau und Arne Schimmer dies alles erklären
können. Die NPD bräuchte in jedem Stadt- und Landkreis
mindestens jeweils fünf Mitglieder, die dazu imstande sind,
mittels politischer Begrifflichkeit den Bürgern vor Ort ein
alternatives politisches Konzept zu präsentieren. In vielen
Stadt- und Landkreisen ist die NPD gar nicht organisiert, in den
meisten Kreisverbänden, die bestehen, besitzt sie kaum geschultes
Personal. Wer nicht einmal in der Lage ist, selbständig Unterschriften
für den Wahlantritt zu sammeln, weil ihm vor Ort die kommunikationsfähigen
Mitglieder fehlen, und man auf einen Versicherungsvertreter aus
dem Saarland angewiesen ist, dessen Kreisverband besteht nur auf
dem Papier.
Hinzu kommt, daß es naiv wäre, davon auszugehen, die
Wähler seien grundsätzlich blöd. Ja, oftmals trifft
dies zu – nicht nur für die, die sich im "Unterschichtenfernsehen"
zu Hause fühlen. Doch selbst bei den dümmsten Wählern
greift die instinktive Überzeugung, daß Wahlen und somit
der Austausch des politischen Personals nichts an den grundsätzlichen
Problemen ändert, die da wären: Massenarbeitslosigkeit,
Sozialabbau, Überfremdung, Kriminalität, Auslandseinsätze
der Bundeswehr, etc. Um das zu begreifen, braucht man nicht einmal
einen Hauptschulabschluß!
Der Wähler sieht zwar die Möglichkeit, für die inländerfeindliche
Überfremdungspolitik hin und wieder einmal durch die Wahl einer
"rechten" Partei Dampf abzulassen, Protest auszuüben;
wohl kaum einer dieser Wähler glaubt ernsthaft, die Ausländerzahlen
in Hamburg oder Köln würden geringer, Hartz IV werde kassiert,
wenn man NPD oder DVU wählt – selbst wenn diese Parteien
zwanzig Prozent erhielten oder sogar in der Regierung sitzen würden.
Deshalb mutet derzeit die Annahme utopisch an, alleine eine Proteststimmung
könne für einen dauerhaften Erfolg garantieren. Proteste
sind eine flüchtige Angelegenheit, sie kommen und gehen, sie
können auch von anderen Kräften ausgenutzt werden –
nicht nur von "rechten" Protestparteien. Mit geschmacklosen
Parolen und Plakaten, die auf dumpfen Protest abzielen ("Laßt
Euch nicht verarschen"! Plakate mit fetten Türkenweibern
mit Kopftüchern und Plastiktüten, JN-Aufkleber "Spätzle
statt Döner!", etc.) kann man dauerhaft nicht einmal die
Rezipienten des "Unterschichtenfernsehens" an sich binden.
Es ist die Lebenslüge der verfassungstreuen Rechten (siehe
Beitrag www.die-kommenden.net), die hier zu bewältigen wäre.
Denn während die Mehrheit der NPD- und DVU-Funktionäre
tatsächlich daran glauben dürfte, so etwas wie "Volksgemeinschaft"
bzw. die Organisation des Gemeinwohls des deutschen Volkes sei in
einer "parlamentarischen Demokratie" möglich, man
müsse nur selbst in der Bundesregierung sitzen, ist es dem
potentiellen Wähler "rechter" Parteien völlig
klar, daß die großen nationalen Probleme systembedingt
sind.
Dieter Stein meinte unlängst in einem Gastbeitrag des in Graz
erscheinenden nationalfreiheitlichen Magazins Aula, nur wenige BRD-Bürger
lehnten das politische System ab. Ist es das Wunschdenken des Junge
Freiheit-Chefredakteurs oder Angst vor dem "Verfassungsschutz",
was ihn zu einer solchen falschen Annahme treibt? Lassen wir deshalb
die empirisch meßbaren Fakten sprechen: nämlich den Datenreport
2004, den gemeinsam das Statistische Bundesamtes in Wiesbaden, das
Wissenschaftszentrums Berlin und das Zentrum für Umfragen,
Methoden und Analysen in Mannheim vorgelegt haben. Demnach halten
im Jahr 2004 (!!!) 76 Prozent der "Ostdeutschen" den Sozialismus
für eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt worden sei (im
Westen jeder zweite Befragte), jeder zweite Mitteldeutsche hält
die "Demokratie" der BRD nicht für die beste "Staatsform".
Ein Viertel der Mitteldeutschen ist sogar der Meinung, es gebe eine
bessere "Staatsform". Im Westen der Republik, wo Umerziehung
und Amerikanisierung länger wirkten, sind die systemfeindlichen
Zahlen (rund ein Drittel) nicht ganz so schlimm, lassen aber für
die Etablierten schlimmes befürchten.
Und was macht Holger Apfel? Er bezeichnet die BRD als "unsere
Demokratie", möchte aber den "Raubtierkapitalismus"
beseitigen. Aber wie? Das fragen sich die Bürger und vor allem
die Wähler. Für Franz Müntefering (SPD) hat sich
der Wahlkampftrick Kapitalismuskritik ("Heuschrecken")
nicht ausgezahlt. Sind die Deutschen bzw. die Wähler in NRW
nicht offen für Kapitalismuskritik? Natürlich sind sie
das: Nach Münteferings Attacke haben laut einer Meinungsumfrage
80 Prozent der Bundesbürger mit seiner Kapitalismuskritik übereingestimmt.
Das können auch nicht nur die klassenbewußten Arbeitslosen
und "gewerblichen" Arbeiter sein, die antikapitalistische
Stimmung muß tief in die bürgerliche Mittelschicht und
in den selbständigen Mittelstand hineinreichen.
Warum haben die Wähler in NRW, die zur Wahl gegangen sind,
dann CDU und FDP den Vorzug gegeben? Weil man bei denen wenigstens
weiß, daß sie den Neoliberalismus besser beherrschen
als SPD und Grüne. Kaum ein kapitalismuskritischer Bürger
wird wohl so naiv sein zu glauben, die SPD könne – im
Rahmen des oligarchischen politischen Systems – das kapitalistische
Raubtier wenigstens zähmen. Man nimmt diese Marotte Franz Müntefering
einfach nicht ab – und Holger Apfel schon gar nicht. Dann
kann man am Wahlsonntag auch zu Hause bleiben oder Rüttgers
von der CDU wählen, der wenigstens den Unterrichtsausfall an
den Schulen in NRW stoppen möchte.
Natürlich könnte die NPD mit theoretisch komplexer Systemkritik
nicht unbedingt direkt am Wahltag punkten, aber sie könnte
durch eine Niveauhebung in ihrer eigenen Verbandsarbeit geistig
begabte Mitglieder fördern, begabte Neumitglieder werben, die
sich von einer Niveauhebung angesprochen fühlen. Hier wäre
also das "Klima" in den Verbänden verbesserungswürdig.
Und wenn man nach Erledigung der Hausaufgaben den Wählern einfach
die Wahrheit sagt, würde das dauerhaft von denen auch belohnt
werden: "Wir Nationaldemokraten werden im Parlament konstruktive
Lösungsvorschläge unterbreiten, doch wir weisen darauf
hin, daß im Rahmen dieses Systems die großen Probleme
nicht zu lösen sind." Dann würde sich die NPD von
allen anderen Parteien unterscheiden und wäre eine wirkliche
Alternative. Jedoch mit leeren Wahlversprechungen kommt man nicht
weit, denn Lügen haben kurze Beine – vor allem die der
verfassungstreuen Rechten.
Und keiner soll sagen, daß diejenigen, die sich beim "Kampf
um die Köpfe" um "Wolkenkuckucksheime" kümmern,
bei Wahlen schlecht abschneiden müssen! Die beiden NHB-Aktivisten
Dennis Witt (Essen) und Martin Laus (Wuppertal) erreichten in ihren
Wahlkreisen Ergebnisse (bis zu 1,5 Prozent), die – für
sich genommen – unter dem Strich immerhin die Wahlkampfkostenerstattung
garantiert hätte. Udo Voigt hat sich als Spitzenkandidat wenigstens
tapfer geschlagen, leider besitzt er im Parteivorstand nicht die
Mehrheit für dringende Reformen der politischen Arbeit. Dafür
besitzt Holger Apfel keine Mehrheit im sächsischen Landesverband,
was an der Dauerhaftigkeit seiner Karriere immerhin Zweifel aufkommen
läßt.
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