„Volksstaat
statt Weltherrschaft“
Ein Gespräch mit dem nationalen Publizisten Jürgen Schwab
Die
Kommenden: Herr Schwab, der Irak-Krieg neigt sich seinem Ende
zu, die BRD hat sich gemeinsam mit Frankreich und Rußland
weitestgehend aus diesem angloamerikanischen Angriffskrieg herausgehalten.
In Ihrem im vorigen Jahr im Tübinger Hohenrain-Verlag erschienenen
Buch Volksstaat statt Weltherrschaft haben sie für ein europäisches
Verteidigungsbündnis, die „geostrategische Achse Paris-Berlin-Moskau“
plädiert (S. 209). Fühlen Sie sich jetzt bestätigt?
Schwab: Ja, ich fühle mich vollauf bestätigt. Die derzeitige
Weltpolitik zeigt, daß eine solche Allianz einfach in der
Natur der Sache liegt, selbst wenn alle drei genannten Regierungen
mehr oder weniger von der internationalen Oligarchie unterwandert
sind und wir hier auch nicht von einem durchdachten Konzept, das
die nationalen Interessen von drei Partnern aufeinander abstimmt,
sprechen können. Während ja Paris und Moskau immerhin
ihre nationalen Interessen artikulieren ...
Die Kommenden: Für Berlin trifft das Ihrer Auffassung nach
nicht zu ...
Schwab: Ja und nein, kann ich da nur sagen. Im Grunde genommen
ist ja hierzulande seit 1945 eine auf nationale Interessen ausgerichtete
Innen- und Außenpolitik ein Tabu. Doch wir dürfen der
rot-grünen Bundesregierung in Berlin immerhin Lernfähigkeit
attestieren. Bei Schröder und Fischer wird nun immerhin sichtbar,
daß deutsche Außenpolitik etwas anderes sein könnte
als amerikanische.
Die Kommenden: Sie stimmen also der rot-grünen Außenpolitik
zu?
Schwab: Wiederum sage ich: ja und nein. Die rot-grüne Außenpolitik
macht wohl das Richtige falsch, während die bürgerlichen
Parteien, Union und FDP, die Gott sei dank nicht in der Regierung
sind, das Falsche richtig machen würden. In letzterem Fall
liegt viel handwerkliches Geschick vor, die Rolle des deutschen
Vasallen bis in alle Ewigkeit weiterzuspielen, im ersten Fall
ist das eine ehrenwerte, wenn auch unrealistische pazifistische
Absicht, die dilettantisch ausgeführt wird, siehe die deutschen
Patriot-Raketen für die Türkei, die zwar im NATO-Rat
in Brüssel von der Bundesregierung gestoppt wurden, dann
aber einen Tag später von ihr über die Niederlande doch
der Türkei zugesagt wurden. Oder denken Sie an die AWACS-Flugzeuge,
bei denen Schröder der Öffentlichkeit zusicherte, daß
diese angeblich nur über dem Luftraum des NATO-Partners Türkei
eingesetzt würden. Wir könnten die Serie an Unklarheiten
und Widersprüchlichkeiten in der bundesrepublikanischen Außenpolitik
beliebig fortsetzen, mit der nichtdiskutierten NATO-Mitgliedschaft,
der fortdauernden Besatzung mit allem was dazugehört, von
der Überflugrechten und dergleichen mehr. Und nicht zu vergessen
die NATO-Protektorate im Ausland, die von deutschen Soldaten bewacht
werden, während die angloamerikanischen Verbündeten
auf Raubzug gehen.
Die Kommenden: Was wäre zu tun?
Schwab: Erst einmal müßte eine deutsche Regierung nationale
Interessen in der Innen- wie in der Außenpolitik definieren
und prüfen, was davon sofort und was mittel –und längerfristig
umsetzbar ist. Alles andere ergibt sich dann von selbst und muß
einer kompetenten Regierungspolitik vorbehalten bleiben. Darum
hat sich nicht der politische Theoretiker zu kümmern.
Die Kommenden: Von Michael Nier wird Ihnen in der patriotischen
Zeitschrift Signal vorgeworfen, sie würden in Ihrem Buch
für Deutschland eine „ähnliche Weltpolitik“
anstreben wie das derzeit die USA für sich vertreten. Trifft
das zu?
Schwab: Das ist natürlich barer Unsinn und das habe ich dem
Professor Nier auch schon gesagt. Sie finden für die Verschwörungstheorie
eines absurden deutschen Weltherrschaftsplans in meinem Buch keinen
einzigen Beleg. Bereits der Buchtitel Volksstaat statt Weltherrschaft
sorgt für absolute Klarheit. Gerade die von mir erwünschte
Achse Paris-Berlin-Moskau deutet doch auf etwas völlig anderes
hin: Nämlich auf eine völkerrechtliche Großraumordnung
– weltweit und speziell für Europa, in der das Gebot
des Völkerrechtlers Carl Schmitts vom „Interventionsverbot
für raumfremde Mächte“ verwirklicht wird. Demzufolge
wären die USA und die Türkei keine europäischen
Staaten und deshalb deren Machtansprüche von einem europäischen
Sicherheitssystem aus diesem Raum auszuschließen. Aber natürlich
wäre auch deutsches Militär in Afghanistan und an der
Küste Somalias als raumfremd anzusehen. Was wir brauchen
ist eine pluralistische und nicht eine – egal von wem –
universalistisch strukturierte Welt, die in Großräume
und Nationalstaaten gegliedert ist.
Die Kommenden: In der überaus positiven Besprechung in der
in Graz erscheinenden Zeitschrift Die Aula wird Ihnen entgegengehalten,
daß bei dem Denken eines deutschen Volksstaates auch das
Wahlrecht auf den Prüftand gehört ...
Schwab: ... das ist richtig, aber auch hierfür gibt es einen
Ansatz in meinem Buch: Neben der Direktwahl des Staatsoberhauptes
und Volksentscheiden wäre nach meinen Vorstellungen die berufsständische
Wahl von Landtagen vorgesehen. Hierzu wären die Gewerkschaften,
die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer, der Bauernverband
und neu zu organisierende Berufsgruppen wie ein Mütterverband
einzubeziehen. Jeder berufstätige Staatsbürger würde
demzufolge auf Betriebsebene, wie derzeit die wirkungslosen Sozialwahlen
in den Unternehmen, seine Berufsvertreter ins Parlament wählen,
deren Vertreter wiederum Repräsentanten in ein gesamtstaatliches
Parlament schicken würden, das Kompetenz in Fragen des Haushaltes
und der Gesetzgebung hätte, ähnlich wie der Reichstag
von 1871 bis 1918. Sie sehen also, daß in meinen Vorstellungen
wie bei Dr. Otto Scrinzi, dem Schriftleiter der Aula, das demokratische
Prinzip one man – one vote zwar nicht aufgehoben, aber doch
bezüglich eines Teilbereiches relativiert ist. Durch die
berufsständische Variante würde auch ein besserer sozialer
Querschnitt des Volkes im Parlament als Bühne der bürgerlichen
Gesellschaft repräsentiert werden.
Die Kommenden: In der im Grazer Stocker-Verlag erscheinenden Zeitschrift
Neue Ordnung wird kritisiert, man könne die sozialen Interessen
nicht gemäß der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit,
Kapital gliedern. Was halten Sie dem entgegen?
Schwab: Zuvor möchte ich das Mißverständnis des
namentlich nicht genannten Kritikers aufklären, der irrtümlich
davon auszugehen scheint, daß die drei Produktionsfaktoren
von Karl Marx oder irgendwelchen Marxisten, Kommunisten oder „Nationalmarxisten“
erfunden worden seien. Das gab es schon vor dem Marxismus und
das entnehme ich zum Beispiel meinem bundesrepublikanischen gymnasialen
Volkswirtschaftsbuch. Ich lasse allerdings den Einwand des Kritikers
als Ergänzung, wenn auch nicht als Widerlegung gelten: nämlich
daß die drei Produktionsfaktoren nicht alleine zur Unterscheidung
sozialer Interessen ausreichen. Denn natürlich hat schon
aufgrund der Höhe des Einkommens ein angestellter Vorstandsvorsitzender
andere Interessen als ein Hilfsarbeiter, oder nehmen sie einen
Kleinlandwirt und einen Großgrundbesitzer, oder einen Großkonzern
und einen mittelständischen Handwerksbetrieb. Die berechtigte
Grobgliederung des politischen Ökonomen ist also noch vom
Wirtschaftsexperten zu differenzieren.
Die Kommenden: In einer Besprechung der Coburger Zeitschrift Nation
& Europa wurde Ihre Vorstellung verworfen, daß das Staatsoberhaupt
zugleich Staatskirchenoberhaupt sein solle ...
Schwab: ... wie in der parlamentarischen Demokratie Großbritanniens
– mit der Queen an der Spitze ...
Die Kommenden: Das Problem bestünde doch wohl aber in einer
von Ihnen entworfenen Präsidialdemokratie darin, daß
sich zu viel Macht in einer Hand befinden würde ...
Schwab: ... oder in mehreren Händen wie in einer reinen parlamentarischen
Demokratie, die deshalb keine Demokratie ist (Hans-Herbert von
Arnim), weil ihr präsidentielle und plebiszitäre Elemente
fehlen. Aber zurück zu ihrer Ausgangsfrage: Zur Zeit entscheiden
ja die Bundesregierung beziehungsweise die Länderregierungen
auf Grundlage parlamentarischer Gesetzgebung über das Verbot
von religiösen Vereinigungen. So haben die BRD-Innenminister
Schily und Beckstein unlängst islamische Gruppen verboten.
Dies wurde im einen Fall mit dem 11. September 2001 und in dem
anderen auch mit Kontakten zur NPD begründet. Oder denken
Sie an die Verbotshetze gegen die Sekte Scientology vor ein paar
Jahren. In dem Staat, der mir vorschwebt, würde den parlamentarisch
geprägten Vertretern gesellschaftlicher Sonderinteressen
das Recht abgesprochen werden, über moralisch bedingte Fragen
der Religion parteipolitisch zu entscheiden. Denn wenn schon religiöse
Gruppen verboten werden sollen, dann sollten diese besser ihre
religiösen Texte, auf die sie sich beziehen, dem Amt des
Staatsoberhauptes im voraus zur Prüfung vorlegen, das diese
dann ausschließlich staatspolitisch – etwa auf Sittenwidrigkeit
wie Völkermordaufruf – und nicht theologisch bewertet.
Wie Sie das Problem auch lösen wollen, in jedem Staat, selbst
in der BRD, muß die Frage der „Religion“ entschieden
werden. Soll das weiterhin von einer parlamentarischen „Regierung“
vollzogen werden – also auf dem Altar von Parteipolitik?
Ich denke, das Thema „Religion“ ist beim Staatsoberhaupt,
das noch von einem obersten Gericht kontrolliert werden kann,
besser aufgehoben als in der hektischen Parteipolitik, wo sich
viele profilieren möchten, in dem sie als erste nach „Verbot“
schreien.
Die Kommenden: In Nation & Europa wurde der Sinn des Untertitels
Ihres Buches – Das Volk – Maß aller Dinge –
in Frage gestellt, mit dem Hinweis, daß die Philosophen
des Deutschen Idealismus, Fichte, Hegel und Schelling eine solche
Losung für sich nicht in Anspruch genommen hätten.
Schwab: Wenn für die deutschen Idealisten vor 200 Jahren
dieses Motto nicht gegolten haben soll, dann frage ich mich, was
für die denn außer dem Volk sonst „das Maß
aller Dinge“ gewesen sein soll. Aber sagen Sie jetzt bitte
nicht „Gott“ – denn das hätte sich doch
jeder Nicht-Atheist hinzudenken können.
Die Kommenden: Herr Schwab, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person:
Jürgen Schwab, geboren 1967 in Miltenberg/Main, Diplom-Germanist
und Publizist, studierte deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft,
Kommunikations- und Politikwissenschaft.
Aus seiner Feder stammen die Bücher Die Meinungsdiktatur
– wie demokratische’ Zensoren die Freiheit beschneiden
(Coburg 1997, vergriffen), Deutsche Bausteine – Grundlagen
nationaler Politik (Stuttgart 1999, vergriffen) und Volksstaat
statt Weltherrschaft (Tübingen 2002). Er ist Mitherausgeber
von 1848 – Erbe und Auftrag (Graz 1998). Jürgen Schwab
fühlt sich der nationalrevolutionären Tradition der
Deutschen Burschenschaft (DB) verpflichtet.