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(21.12.05):
„Neonazismus“
und kapitalistische Verwertung
Dem
Landtagsabgeordneten Mirko Schmidt ist vor ein paar Tagen aufgefallen,
daß es sich bei der NPD um eine „Neonazi-Partei“
handelt (Gespräch mit „Sächsische Zeitung“,
19.12.2005). Deshalb sei er jetzt plötzlich ausgetreten. Er
ist natürlich nicht aus der NPD ausgetreten, um sich die monatlich
500 Euro Abgabe an die Parteikasse zu sparen, oder weil er in vier
Jahren nicht mehr zur Wiederwahl aufgestellt worden wäre.
Schmidts „Gutachten“ ist selbstverständlich eine
Steilvorlage für die Systempresse, seine Aussagen über
die NPD decken sich mit dem, was seit Jahren in VS-Berichten über
die NPD zu lesen steht.
Eine beliebte Frage, die durch Schmidts Abgang erneut aufgeworfen
wurde, ist die, ob es sich bei der NPD um eine „Neonazi-Partei“
handelt? Bei objektiver Bewertung ist sie dies nicht. Ein Blick
in Programm und Satzung genügt hierfür völlig aus.
Die Verschwörungstheorie der Gutmenschen, Satzung und Programm
der Partei seien nur Fassade, ist reines Ablenkungsmanöver
vom eigentlichen Thema: Der „Neonazismus“, den es in
der NPD tatsächlich gibt, ist nämlich systemimmanent.
Dabei ist das System die BRD und nicht die NPD, die lediglich als
Teilsystem dem System-Ganzen angehört.
Die NPD wiederum ist als Ganzes eine nationaldemokratische Partei,
ihr gehören neben nationalkonservativen, nationalliberalen,
nationalrevolutionären auch nationalsozialistische Mitglieder
an. Es wäre also völlig verfehlt, von einem Teil der Mitgliederschaft
auf das Ganze der Partei zu schließen.
Zu fragen ist auch, in welche Partei Nationalsozialisten heute in
der BRD bitteschön sonst eintreten sollen, wenn nicht in die
NPD? Nach 1945 war es völlig normal, daß Ex-NSDAP-Mitglieder
in CDU, CSU, FDP und SPD eingetreten sind. In der DDR wurde für
„Nazis“ sogar eine eigene Partei gegründet, die
NDPD.
Daß die NPD auch das NS-Spektrum anspricht, ist nun wirklich
keine Enthüllung mehr wert, möchte man Mirko Schmidt zurufen.
Ob als Demo-Marschierer, als Mitglieder, Wähler und Verlagskunden
– Nationalsozialisten sind Voigt, Apfel und Marx jederzeit
willkommen. Zudem hat Udo Voigt während und nach dem Verbotsverfahren,
selbst nach dem Landtagswahlerfolg in Sachsen immer wieder versichert,
daß Nationalsozialisten in der Partei ihren Platz haben.
Aber warum sind Nationalsozialisten der NPD-Führung herzlich
willkommen? Weil, so behauptet es Schmidt, die NPD-Führung
aus lauter unbelehrbaren „Nazis“ besteht? Dies ist eine
unbewiesene Behauptung. Meine Erfahrung ist eine andere. Das Ziel
von Voigt, Apfel und Marx ist es, erfolgreich nationale Politik
zu machen – und nicht die NSDAP zu kopieren. Der Neonationalsozialismus
ist für diese Leute lediglich ein Vehikel, ein Mittel zum Zweck.
Die Wahrheit des Problems „Neonazismus“ liegt hingegen
im BRD-System selbst verborgen.
„Hitler geht immer!“ Sagte zu mir einmal zynisch ein
rechter Verleger. Das heißt, mit dem toten Führer und
Reichskanzler läßt sich heute immer wieder gut Kasse
machen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob Hitler und das Dritte
Reich verteufel oder verherrlicht werden. Denn wie sich mit Guido
Knopps filmischen Machwerken („Hitlers Frauen“, „Hitlers
Kinder“) Geld machen läßt, so vermehren Voigt,
Apfel und Marx mit NS-Erbauung ihre politische „Macht“.
Das heißt: Die NPD muß über ihren „Deutsche
Stimme“-Verlag Geld verdienen, viel Geld, damit die Parteiarbeit,
vor allem die Wahlkämpfe finanziert werden können. Nicht
zuletzt deshalb, weil gerade in Westdeutschland die Wahlkampfkostenerstattung
nicht so viel Geld abwirft, wie die Partei zuvor ausgegeben hat.
Natürlich verfügt die NPD auch über Mitgliedsbeiträge
und Spendeneingänge, aber das reicht wohl nicht über die
Runden. Die sicherste Einnahmequelle ist der DS-Verlag. Und dort
verkaufen sich Rechtsrock-CD, Hitler- und Goebbels-Reden, Waffen-SS-Bildbände,
Adolf Hitler am Südpol, Eva Braun und Wehrmachtsspielzeug (für
20-Jährige!) allemal besser als Carl Schmitts „Begriff
des Politischen“. Man sollte sich da nicht täuschen,
auch Leute, die einer politischen Partei beitreten, interessieren
sich oftmals mehr für nostalgische Erbauung als für Politik.
Und das weiß natürlich die Verlagsleitung, weshalb –
wie bei allen Kaufleuten – das angeboten wird, was die Kundschaft
möchte. Das ist ein Hamsterrad, das sich immer weiter dreht.
Der Kapitalismus ist ein warenproduzierendes System. Es geht in
diesem System nicht darum, welche Güter und Dienstleistungen
das Volk wirklich benötigt. Einen solchen Bedarf müßte
eine Regierung in einer Art Rahmenplanung festlegen. Nein, es geht
nur darum, welche Waren sich gut verkaufen lassen, was dem Markt
und somit der Werbung überlassen bleibt. Ob diese Waren zur
Politikunfähigkeit der NPD führen, ist dabei völlig
uninteressant, da es um kurzfristige Erfolge auf dem Wählermarkt
geht. Und der ist nur möglich, wenn sich die im DS-Katalog
angebotenen Waren gut verkaufen lassen. Natürlich verkauft
sich Hitler hervorragend, egal ob bei Guido Knopp oder bei „Deutsche
Stimme“. Einer der Stammleser von Stoertebeker, Henryk M.
Broder, schrieb 1993:
„Das Dritte Reich erweist sich als ein unerschöpflicher
Steinbruch, aus dem große Quader rausgehauen, fachmännisch
in kleine Stücke zerlegt und dann über den Einzelhandel
zum Kauf angeboten werden. Die Branche ist so weit gefächert
wie die Produkte, die von ihr vermarktet werden. Sie beschäftigen
Forscher und Historiker, Verleger und Journalisten, Maler und Filmemacher,
Dokumentaristen und Essayisten, Gedenkstättenplaner und Gedenkstättenleiter,
Politologen und Pädagogen, Didaktiker und Dialektiker. Zu jeder
dieser Subsparten gehört ein Troß von Kritikern, die
den jeweils Produktiven bzw. Reproduktiven sagen, was diese alles
falsch machen und wie es sie besser machen könnten. Es handelt
sich garantiert um überkonfessionelle und interdisziplinäre
Projekte, die bei Auschwitz anfangen und im Unendlichen aufhören.
[…] Nachdem es kaum noch etwas zu dokumentieren gibt, weil
auch die letzte Kinderzeichnung ausgestellt, die allerletzten unbekannten
Fotos entdeckt und alle Gedichte, die in den Ghettos entstanden
sind, veröffentlicht wurden, kann die Beschäftigung mit
dem Holocaust in eine neue Stufe treten: Der Historisierung folgt
die Akademisierung und Ritualisierung.“
Auch Voigt, Apfel und Marx sind in dieser kapitalistischen Verwertungslogik
fest eingebunden. Die Wiederaufbereitung des Dritten Reichs ist
zwar für den nationalen Widerstand politisch kontraproduktiv,
aber finanziell für die NPD-Führung allemal produktiv.
Deshalb werden weiter Waren produziert, mit denen sich ein kapitalistischer
Geschäftserfolg erzielen läßt.
Mirko Schmidt sollte sich einmal die Frage stellen, was er selbst
konkret gegen dieses Übel getan hat? Schließlich ist
auch er auf Grundlage dieser systemimmanenten Verwertungslogik in
den Landtag eingezogen. Der DS-Verlag in Riesa hat gesät, was
Mirko Schmidt und die anderen elf Abgeordneten in Dresden geerntet
haben.
Der Fall des Mirko Schmidt zeigt, daß die „Weltanschauung“,
die die NPD produziert, sich in vielen Fällen als wertlos erweist.
Mirko Schmidt hat nun mit Unterstützung des VS den Ausstieg
aus dieser „Weltanschauung“ im Handumdrehen gemeistert.
Da er wohl selbst nicht mehr an seine politische Karriere geglaubt
hatte, ist die Ware „Weltanschauung“ für ihn immer
wertloser geworden. Am Ende hat er sie in den Mülleimer geworfen.
Jürgen Schwab
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