(22.11.05):
Kapitalismuskritik statt Verschwörungstheorien –
eine Kolumne von Jürgen Schwab
Für
unsere national besch…eidene Lage suchen manche nationale
Rechte gerne nach Verschwörungstheorien. Natürlich drücken
in dem ein oder anderen Fall Ver-schwörungstheorien Teilwahrheiten
aus – aber ebenso wird insgesamt die Wirk-lichkeit verfälscht.
Machen wir es an einem Beispiel fest: Wenn die Juden übermächtig
wären, wie neulich eine Diskutantin in einer Kommentarspalte
von „Stoertebeker“ meinte, dann bräuchten wir
Nationalisten und Patrioten ja auch nichts mehr zu tun. Denn gegen
die Übermacht von Juden und Freimaurern kommen wir ja sowieso
nicht an. Dann haben wir uns endlich die Ausrede geschaffen, uns
aus der politischen Arbeit vollständig zurückzuziehen
und stattdessen in nationalen Foren über die Türkenmusik
oder den Moscheebau von nebenan zu jammern.
Nebenbei bemerkt: Für manche Seminarveranstalter ist der
Antijudaismus – nicht erst seit Ewald B. Althans –
eben auch ein lohnendes Geschäft. Denn bei „Nazi-Opas“
sitzt bekanntlich bei diesem Thema die Geldbörse locker.
Die Spenden-bereitschaft ist im nationalen Lager allemal hoch,
wenn es darum geht, die nationale Opposition noch weiter zu entpolitisieren.
Bei dem gesamten Verschwörungsmüll gerät völlig
aus dem Blick, daß für Unter-drückungsverhältnisse
zuallererst ganz banale materielle Ursachen verantwortlich sind,
die sich bei näherer Betrachtung vielfältig und kompliziert
gestalten. Die Hauptursache sind hier nicht Juden und Freimaurer,
sondern das Geld, das wir alle zur Existenzsicherung und zum angenehmen
Leben benötigen – die einen mehr, die anderen weniger.
Ist es nicht so, daß sich die Deutschen ihre Unfreiheit
schön haben vergolden lassen – seit 1945 die Westdeutschen,
seit 1989 unsere Landsleute insgesamt? Wer in der „westlichen
Wertegemeinschaft“, angeführt von den USA, schön
artig mitmacht, der lebt allemal angenehmer als diejenigen Völker,
die sich gegen den US-Imperialismus wehren. Selbst als Arbeitsloser
lebt man in Deutschland immer noch besser als ein Arbeiter oder
Bauer in den Weltregionen, die von den USA und ihren Vasallen
militärisch kolonisiert werden. Die (West-) Deutschen wurden
nach 1945 von den USA kolonisiert und sie haben es sich in der
pax americana gut eingerichtet.
Keine Frage: Die Juden haben an der amerikanischen Ostküste
eine große Lobby. Der Holocaust-Kult ist eine mächtige
„moralische“ Waffe. Allerdings profitieren davon Juden
wie Nicht-Juden und manch ein Jude übt daran Kritik wie Norman
Finkelstein (Die Holocaust-Industrie). Es ist für mich überhaupt
nicht einzusehen, warum „die Juden“ daran schuld sein
sollen, wenn viele Millionen nicht-jüdischer Amerikaner,
Engländer, Franzosen, Deutsche, Italiener, Südkoreaner,
Japaner, selbst Vasallen-Regierungen arabischer Staaten bei der
großen Ausplünderungs-aktion in Ländern wie Irak
und Afghanistan mitmachen. Wenn die USA in Afghanistan eine Ölleitung
bauen und das irakische Öl aubeuten wollen, das vorher dem
irakischen Staat, also den irakischen Bürgern gehört
hatte, dann profitieren doch alle im Westen davon.
Würden wir gegen die USA aufmucken, was würde dann geschehen?
Deutsche Autos, die zum Verkauf in den USA angeboten werden, könnten
schnell – anstatt mit Mercedes-Sternen – mit Hakenkreuzen
verziert werden! Aber auch französische Firmen und Produkte
können auf dem Weltmarkt diskriminiert werden, wie der letzte
Irak-Konflikt gezeigt hat. Das heißt, vor allem die BRD-Bourgeoisie
unterstützt den US-Imperialismus, weil sie als „Exportweltmeister“
von den USA abhängig ist.
Jürgen Elsässer
Der Marxist Jürgen Elsässer hat in Junge Welt vom 14.11.2005
auf den Zusammenhang zwischen kapitalistischer Wirtschaftspolitik
in Deutschland und Im-perialismus im Ausland hingewiesen. Dies
ist viel ergiebiger als die Ablenkungs-manöver rechter Verschwörungstheoretiker.
Elsässer bezeichnet völlig zutreffend die BRD-Deutschen
als „Trittbrettfahrer“ des US-Imperialismus. Der Autor
zitiert das Bundeswirtschaftsministerium:
„Im Vergleich zu 1993 haben sich die deutschen Exporte im
Jahr 2003 verdoppelt … und der Ausfuhrüberschuß
hat sich sogar vervierfacht“. Im Jahr 2004 sei die Rekordmarke
des Vorjahres noch einmal übertroffen worden. Die Ausfuhren
legten nach Schätzung des Statistischen Bundesamts um zehn
Prozent auf einen Wert von 731 Milliarden Euro zu. Abzüglich
der Einfuhren in Höhe von 575 Milliarden Euro bleibt ein
Überschuß von knapp 156 Milliarden Euro, das bedeutet
einen neuen historischen Höchststand.
„Aufgrund seiner Exportorientierung“, so Elsässer,
„wurde das deutsche Kapital im Verlauf der neunziger Jahre
immer abhängiger von den USA.“ Denn: „Während
die Ausfuhren insgesamt um knapp 90 Prozent zunahmen, stiegen
die Exporte in die USA um 217 Prozent. Waren die Vereinigten Staaten
zu Beginn des letzten Jahrzehnts nur der sechstwichtigste Handelspartner,
so haben sie sich jetzt mit einem Anteil von zehn Prozent zum
zweitwichtigsten Abnehmer deutscher Exporte entwickelt. Vor allem
aber erwirtschaft die BRD im Warenaustausch mit den USA höhere
Gewinne als mit irgendeinem anderen Partner (22,7 Milliarden Euro
2003, also mehr als ein Sechstel des gesamten deutschen Exportüberschusses).“
Der Autor fährt wie folgt fort: „Die USA bezahlen die
Importe nicht mit den Erlösen ihrer eigenen Wirtschaftskraft,
sondern mit eigentlich wertlosem Papiergeld. Seit 2001 hat die
US-Notenbank mehr Dollar in Umlauf gebracht als vorher während
der über zweihundertjährigen Geschichte des Landes.
Die so entstandene Blase aus fiktivem Kapital würde sofort
platzen, wenn nicht das wichtigste Handelsgut der Welt, das Öl,
überall auf dem Globus nur in Dollar fakturiert würde.
Als Saddam Hussein 2001 die Abrechnung in Euro überlegte,
beschloß die Bush-Administration den Überfall auf das
Zweistromland. Deutschland verweigerte unter Kanzler Gerhard Schröder
zwar die aktive Teilnahme, mußte den USA aber als Nachschubbasis
dienen. Eine Niederlage der USA konnte und kann sich das deutsche
Großkapital nicht wünschen, weil dann der Dollar abstürzen
würde.“
Vielleicht sollten sich Nationalisten besser mit Kapitalismuskritik
als mit Verschwörungstheorien beschäftigen. Tatsache
ist: „Amerika, das sind wir selbst!“ (Henning Eichberg).
Alles andere (Ausländerpolitik usw.) sind nur Symptome davon.
Wer Politik betreiben möchte, sollte fähig sein, seinen
Hauptfeind zu erkennen. Für deutsche Nationalisten kann der
Hauptfeind nur die USA sein.
Alle meine politischen Vorbilder (Carl Schmitt, Ernst Niekisch
usw.) gehen vom Primat der Politik über die Wirtschaft und
vom Vorrang der Außenpolitik über die Innenpolitik
aus. Für mich steht fest, daß „der Islam“
für uns außenpolitisch keine Bedrohung darstellt. In
der Vergangenheit haben allerdings einzelne islamische Völker
hin und wieder das Abendland bedroht (in Spanien die Mauren und
die Türken zweimal vor Wien). Diese Invasionen konnten abgewehrt
werden, weil die Europäer damals noch Europäer gewesen
waren; heute sind sie genußvoll amerikanisiert und jammern
in Offenbach und Düsseldorf, wenn aus dem benachbarten Wohngebiet
Türkenmusik erschallt.
Jürgen
Schwab