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(29.01.06)
Was
Frau Merkel unter Freiheit versteht – Eine Kolumne von Jürgen
Schwab
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat neulich beim Weltwirtschaftsforum
im schweizerischen Davos einen größeren „Freiraum“
für die Wirtschaft verkündet. Und die anwesenden Kapitalisten
und journalistischen Lohnschreiber des internationalen Kapitals
haben daraufhin kräftig geklatscht.
Nach neoliberalem Zeitgeist, den Frau Merkel vertritt, ist mit mehr
„Freiheit“ gemeint: mehr Freiheit für Ausbeutung
von Arbeitnehmern, mehr Freiheit für Sozialraub gegenüber
Arbeitslosen, Rentnern und Kranken, mehr Freiheit zur Erhöhung
der Studiengebühren, mehr Freiheit zur Einführung von
Schulgeld, mehr Freiheit zur Steigerung der Profite für Aktionäre,
mehr Freiheit zur Erhöhung von Vorstands- und Aufsichtsratsbezügen,
mehr Freiheit zum Abbau unnötiger Verwaltung, was im Gegenzug
Korruption, das heißt Freiheit für Kriminelle aller Art
bedeutet.
Die Freiheit, die Frau Merkel meint, ist natürlich zuallererst
die Freiheit für grenzenlosen Handel. Natürlich sagt die
Bundeskanzlerin nicht, daß globaler Freihandel bzw. internationale
Arbeitsteilung der Sargnagel für den deutschen Wohlstand ist,
der bei uns über Generationen hinweg erarbeitet wurde. So werden
in Deutschland jeden Tag 500 bis 1.000 Arbeitsplätze abgebaut,
die ins lohnkostengünstigere Ausland verlagert werden.
In Bangladesch sind Textilarbeiterinnen dann so frei, für 30
Euro zu arbeiten. Aber nicht in der Stunde, auch nicht am Tag. Nicht
einmal in der Woche. Nein, im Monat! Natürlich ist die Entscheidung
einer Frau in Bangladesch, in einer Textilfirma für 30 Euro
im Monat zu arbeiten, völlig frei gefallen. Niemand zwingt
diese Frau, in dieser Fabrik zu arbeiten – außer die
blanke Not. Das ist der Vorteil, der neuen Sklavenarbeit, daß
man sich freiwillig ausbeu-ten läßt.
Die modernen Sklaventreiber heißen zum Beispiel Tchibo und
KarstadtQuelle. Im Sonderangebot kann sich bei uns der Arbeitslose
ein Hemd für fünf Euro kaufen, womit er weiter zum Abeitsplatzabbau
in Deutschland und zur modernen Sklavenarbeit in Bangladesch beiträgt.
Nachdem nun im Dezember 2005 die Konzernleitung des schwedischen
Konzerns Electrolux beschlossen hatte, nach dem Arbeitsplatzabbau
in Kassel und Herborn nun auch das AEG-Werk in Nürnberg zu
schließen, mußte Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber
(CSU) einräumen, daß die Politik gegen solche Konzernentscheidungen
machtlos sei. Die Macht-losigkeit der Politik resultiert aus dem
bereits bestehenden „Freiraum“ der Wirtschaft, den Bundeskanzlerin
Merkel noch weiter ausdehnen möchte.
Kleinlaut meinte auch IG-Metall-Funktionär Jürgen Wechsler,
daß alle Protestaktionen wie Streiks an der Entlassung von
1.750 AEG-Arbeitern nichts geändert haben. Die Produktion von
Waschmaschinen und Geschirrspülmaschinen wird von Nürnberg
ins lohnkosten-günstigere Polen verlagert. In seiner Hilflosigkeit
erhaschte Jürgen Wechsler einen Zipfel der Erleuchtung: Die
deutschen Gewerkschaften, so der IG-Metall-Funktionär, würden
nun zum „Boykott“ von Haushaltswaren der schwedischen
Firma Electrolux aufrufen.
Das klingt fast schon revolutionär. Tatsächlich könnte
dieses Problem von zwei Ansätzen her gelöst werden, sofern
hierzu die politische Macht zur Verfügung stünde: In der
Innenpolitik wären die großen Aktiengesellschaften zu
nationalisieren und zu sozialisieren. Außenpolitisch gesehen
müßten Zollschranken die eigene Volkswirtschaft vor zerstörerischer
Billigkon-kurrenz schützen.
Der Boykottaufruf des von mir zitierten IG-Metall-Funktionärs
zielt instinktiv auf die zweite, die außenpolitische Variante
ab. Allerdings wäre ein Boykottaufruf gegen Waren von Elektrolux
nur dann wirksam, wenn die Aktion vom deutschen Staat verkündet
würde. Das heißt, hier wäre vom Bundeswirtschaftsministerium
ein Einfuhrverbot zu erheben. Darauf werden wir wohl lange warten
können, da zum einen die kümmerlichen Restkompetenzen
des BRD-„Staats“ nach Brüssel verschwunden sind,
zum anderen ist der von den USA verfochtene Freihandel, so scheint
es, ohnehin nicht zu stoppen.
Und da wir nach wie vor in einer US-Kolonie leben, gehört hierzulande
die Freihandels-doktrin zum Katechismus der politischen und wirtschaftlichen
Eliten. Das heißt also: Die Katastrophe ist unabwendbar.
Jürgen Schwab
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