Jürgen
Schwab:
Nationalstaat und völkerrechtliche Großraumordnung
– statt Universalismus und globaler Partisanenkampf
Das Generalthema des Sommerseminars 2002 der Deutschen Akademie
lautet:
„Großraum gegen Universalismus – die geopolitischen
Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung.“
I. Die Bestimmung der Begriffe
Ich möchte es nicht versäumen, die in dem Seminarthema
angesprochenen grundlegenden Begriffe kurz darzulegen:
In der NPD-Schriftenreihe Profil Nr. 12 wird Globalisierung bezeichnet
als der Prozeß des Globalismus. Globalismus ist demzufolge
ein bestimmter Aspekt des Wirtschaftsimperialismus. Kennzeichen
des Globalismus ist das Zurückdrängen staatlicher Entscheidungskompetenzen
zugunsten der Herrschaft des Kapitals. Die Methode, derer sich
der Globalismus bedient, ist der Abbau staatlicher Kontrollmechanismen
über heimische Märkte, euphemistisch „Freihandel“
bezeichnet. Folge des Globalismus sind unter anderem Armut, Arbeitslosigkeit,
Sozialabbau und Naturzerstörung.
Ich selbst würde die Globalisierung auf die heutige Zeit
bezogen kurz und prägnant als „amerikanische Weltherrschaft“
bezeichnen. Dies bezieht sich sowohl auf den politischen, militärischen,
wirtschaftlichen und auf den kulturellen Bereich. Gut zum Ausdruck
kommt dies in der Bezeichnung „globale Amerikanisierung“
von Peter Scholl-Latour.
In dem bereits genannten Profil-Heft wird „Universalismus“
beschrieben als die Idee der universellen Gültigkeit bestimmter
Werte, verbunden mit dem Anspruch, diese weltweit durchzusetzen.
Universalismus wird propagandistisch zur Durchsetzung der Interessen
der Globalisierer eingesetzt.
Das „Lexikon des Konservatismus“ bestimmt Geopolitik
als ein „Grenzfach zwischen Geographie, Staatswissenschaften,
Geschichte und Soziologie. Sie untersucht umfassend die Raumbezogenheit
und räumlichen Bedingungen der Politik mit dem Ziel, daraus
Optionen und Grenzen politischen Handelns abzuleiten. Sie zieht
dabei die Schlußfolgerungen aus den Einsichten der Politischen
Geographie, von der sie zu unterscheiden, aber nicht eindeutig
zu trennen ist.“
„Großraum gegen Universalismus“ ist von mir
aus dem Werk des deutschen Staats- und Völkerrechtler Carl
Schmitt entnommen, der in seiner 1939 erstmals erschienenen Schrift
„Völkerrechtliche Großraumordnung – mit
Interventionsverbot für raumfremde Mächte – ein
Beitrag zum Reichsbegriff im Völkerrecht“ eben diese
Dichotomie zwischen einer Welt souveräner Staaten und Großräumen
und einer universalistisch geprägten Welt behandelte. Seine
Schrift war eine Antwort an den amerikanischen Universalismus
seiner Zeit, der sich einer Manipulation der Monroe-Doktrin von
1823 bediente, die ursprünglich der Einflußnahme europäischer
Kolonialmächte auf dem nord- und mittelamerikanischen Kontinent
entgegengerichtet war, doch die schon bald – in völliger
Umkehrung ihres ursprünglichen Geistes – auf die amerikanische
Gegenküste, also auf Europa, Anwendung fand. Spätestens
seit 1917, dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg, ist nun
Europa zunehmend ein politisches und geostrategisches Anhängsel
Nordamerikas geworden. Dies wird insbesondere in dem Begriff „Westliche
Wertegemeinschaft“ deutlich, die ja von den USA angeführt
wird und von den maßgeblichen europäischen Staaten,
besser US-Vasallen genannt, mitgetragen wird.
II. Die verspielte historische Chance
Die bereits von mir erwähnte Schrift Carl Schmitts „Völkerrechtliche
Großraumordnung – mit Interventionsverbot für
raumfremde Mächte – ein Beitrag zum Reichsbegriff im
Völkerrecht“ aus dem Jahre 1939 war die passende deutsche
und europäische Antwort auf den amerikanischen Universalismus
der damaligen Zeit. Carl Schmitt plädierte dafür, die
durch den Staatsbegriff geprägte Völkerrechtsordnung
durch den Begriff des Großraums zu erweitern, weil er zurecht
bemerkte, daß die Vorstellung einer Gleichgewichtung von
Staaten eine Illusion sei.
Vor 60 Jahren hatten wir Deutsche die Chance, diesen völkerrechtlichen
europäischen Großraum zu schaffen. Zwei Jahre nach
der ersten Auflage von Schmitts Schrift hatten unsere Truppen
Frankreich, die Benelux-Staaten, Dänemark und Norwegen, den
Balkan und Griechenland besetzt und standen tief im nordafrikanischen
und russischen Raum. Leider hat jedoch die NS-Ideologie vor allem
die slawischen Völker nicht als Völkerrechtspersonen
anerkennen wollen, weshalb die totale Niederlage 1945 auch hierauf
zurückzuführen war.
Was hätte man aber damals tun sollen? Die deutsche Politik
hätte die befreiungsnationalistische Karte gegen die verlogene
„Menschenrechts“-Propaganda des Westens spielen sollen.
Man hätte die „Nationalsozialistische Weltrevolution“
bis nach Arabien, Afrika und Indien – zumindest propagandistisch
– tragen können, anstatt darüber nachzudenken,
wie sich die Deutschen mit ihren germanischen Brüdern auf
den britischen Inseln die Welt aufteilen könnten. Das war
die Politik von Vorgestern, die des Alldeutschen Verbandes. Die
These Adolf Hitlers, der Nationalsozialismus sei kein Exportartikel,
ist ja bereits wenige Jahre nach 1945, nämlich 1954, widerlegt
worden: In Ägypten unter Gamal Abd el-Nasser.
Aber das ist nun alles Vergangenheit. Einen neuen Anlauf, den
völkerrechtlichen Großraum Europas neu zu gestalten,
werden wir wohl erst nach dem Absturz der globalen Amerikanisierung
wagen können. Die dann zu erschaffende neue Großraumordnung
wird sich an der strategischen Achse Paris-Berlin-Moskau auszurichten
haben.
III. Die weltpolitische Lage
Doch von der Zukunft wieder zurück zur Gegenwart. Im Mai
dieses Jahres meldete das Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks
in einer seiner Frühsendungen, daß das Flugzeug des
deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder bei seinem Flug
von Kabul nach Usbekistan beschossen worden sei. In der nächsten
Nachrichtensendung wurde allerdings die Meldung sofort korrigiert.
In Schröders Maschine sei lediglich aufgrund von Blitz und
Donner in der Gegend um Kabul die Raketenabwehrwarnanlage ausgelöst
worden.
Also alles falscher Alarm, die USA und ihre NATO-Vasallen haben
in Afghanistan alles im Griff. Die Meldung, daß die NATO-Truppen
selbst das Flugzeug eines ihrer Regierungschefs nicht vor Partisanenangriffen
schützen können, könnte auch unterdrückt worden
sein, weil diese Meldung für die NATO-Militärstrategie
kontraproduktiv wäre, wo es ja um permanente Erfolge im „Kampf
gegen den internationalen Terrorismus“ geht.
Nun hat also der globale Partisanenkampf begonnen und wir alle
befinden uns mitten drin. Schröder, Blair und Bush können
ihn nicht sehen, aber dennoch bestimmt er neuerdings den Takt
der Weltgeschichte und vor allem das Handeln des amerikanischen
Präsidenten, wenn er vom „Kampf gegen den internationalen
Terrorismus“ spricht.
Die Rede ist vom neuen Typus des globalen Partisanen. Was wir
seit dem 11. September des vorigen Jahres erleben, ist die Geburt
einer neuen geschichtlichen Gestalt, die nur unter den spezifischen
Bedingungen der Globalisierung, die in Wirklichkeit eine globale
Amerikanisierung darstellt, möglich geworden ist.
Nun sind wir bereits seit den neunziger Jahren mit diesem (namenlosen)
globalen Partisanen konfrontiert – seit der andauernden
politischen, militärischen und ökonomischen Diskriminierung
des Irak durch die neuen westlichen Kreuzritter und der Nicht-Einlösung
des Versprechens eines wirklich souveränen palästinensischen
Staates durch die UNO.
Aber erst in Person von Osama bin Laden ist er seit den Terrorschlägen
von New York und Washington voll in unser Bewußtsein gedrungen.
Ob er als konkrete Person noch lebt oder bereits im Bombenhagel
der NATO getötet wurde, spielt an und für sich keine
Rolle, da es sich bei dem Typus des globalen Partisanen zuallererst
um ein geistiges Phänomen handelt, und – um es in der
Sprache G. W. F. Hegels auszudrücken – für diesen
neuen Geist die körperliche Hülle austauschbar zu sein
scheint.
Und was für unsere Betrachtung noch wichtiger erscheint:
Den neuen Typus des globalen Partisanen hat ein deutscher Denker
vor fast 40 Jahren ziemlich genau vorausgeahnt und bereits in
seinen Wesenszügen skizziert. Es handelt sich um keinen Geringeren
als um Carl Schmitt.
Seit dem 11. September 2001 ist der große deutsche Staats-
und Völkerrechtler wieder sehr aktuell geworden. Dies vor
allem mit seinem „Begriff des Politischen“ (1932)
und mit seiner „Theorie des Partisanen“ (1963) –
um nur zwei zentrale Schriften aus Schmitts Feder zu nennen.
Im Schlußteil seiner „Theorie des Partisanen“
hat Schmitt bereits den Übergang vom „tellurisch-terranen
Charakter des Partisanen“ (also seiner Bodenständigkeit)
hin zu seinem globalen Typus vorweggenommen. Fungierten Partisanen
in früheren Zeiten noch als eine Art „leichte“,
aber außerhalb des Kriegsrechts stehende Hilfstruppe neben
einer regulären Armee, so nimmt der Partisan heute die Hauptrolle
im Kampf gegen die pax americana ein.
Beschränkte sich in früheren Zeiten der Partisan ausschließlich
auf die Befreiung der eigenen Heimaterde, so hat der globale Partisan
im Zeitalter der Moderne diesen bodenständigen Charakter
seines Kampfzieles bereits überschritten – ohne allerdings
seine geistige „Bodenhaftung“ verloren zu haben. Im
modernen Sinne ist er aber nun mit so ziemlich allem an Kommunikations-
und Waffentechnologie ausgerüstet wie seine staatlich-militärischen
Feinde es auch sind. Er betreibt Propaganda mit Video-Kassetten
und dürfte über ABC-Waffen, wenn auch in geringeren
Mengen als seine Feinde, verfügen.
Ausgestattet mit einer global ausgerichteten Religion des Islam
will der arabische Terrorist, der immer auch Nationalist ist,
zwar zuallererst einen souveränen Staat Palästina herstellen,
die USA aus Saudi-Arabien vertreiben und somit den Repressionsmaßnahmen
gegen den Irak den logistischen Boden entziehen, doch der Typus
des globalen Partisanen (vornehmlich arabischer Nationalität)
hat erkannt, daß er dem Westen und vor allem der Weltmacht
USA am besten auf deren eigenem Territorium (auf deren eigener
westlicher „Erde“) wehtut – und zwar durch privat
organisierten Terror als Revanche auf den staatlich organisierten
Terror von den USA und Israel im Nahen Osten.
Als Fazit können wir an dieser Stelle bereits ziehen, daß
der Entwurzelung, also der Aufhebung der Bodenhaftung der „westlichen
Zivilisation“ – zu einem Teil – die Aufhebung
der Bodenhaftung des islamischen und arabischen Terrors gegen
eben diesen Westen konsequent gefolgt ist. Der arabische Nationalist
und der islamische Fundamentalist haben also nur ihre Strategie
und Taktik der neuen globalen Herausforderung, der globalen Amerikanisierung,
angepaßt, ohne freilich wie der dekadente Westen sich von
seiner eigenen Heimat und Kultur entwurzelt zu haben.
In der politischen Konsequenz bedeutet das: Der Araber wirft seine
Steine nicht mehr ausschließlich in Gaza und Jericho gegen
israelische Panzer und Soldaten, sondern er übt seine Selbstmordkommandos
vor allem in Tel Aviv und Haifa, aber auch – in größerem
Stile – in New York und Washington aus. Auch in Städten
europäischer Vasallenstaaten wären solche Anschläge
möglich (neuerdings macht sich ja der BRD-Staatsschutz Sorgen
um jüdische Einrichtungen in Deutschland).
Rückzugsgebiet des globalen Partisanen ist unter anderem
der Hindukusch, der ja – vom arabischen Standpunkt aus betrachtet
– nicht mehr seine eigene Erde ist; genauso wenig wie der
deutsche Bundeswehrsoldat nicht seine Heimaterde in Mazedonien,
Afghanistan und Somalia verteidigt. Die globale Gewalt bedingt
sich also gegenseitig. Nur sind die imperialistischen Mächte
USA, NATO und Israel mit ihrer Gewalt zuerst auf den Plan getreten.
Daß der Typus des Partisanen lediglich die konsequente Antwort
auf den Kolonialismus, den wir heute auch Imperialismus nennen,
darstellt, hat bereits Carl Schmitt erkannt:
„Der Partisan wird mindestens noch so lange einen spezifisch
terranen Typus des aktiven Kämpfers darstellen, wie antikolonialistische
Kriege auf unserem Planeten möglich sind.“ Zu ergänzen
bleibt noch: Bin Laden ist also demzufolge die logische Antwort
auf George W. Bush – und nicht umgekehrt!
Nach Schmitt zu urteilen, ist der Partisan ein Zuchtgewächs
des Imperialismus. Gerade die Auflösung des Staatenpluralismus
und die Aushebelung des klassischen europäischen Völkerrechts
bewirkten nach Schmitts Erkenntnis die Belebung des Partisanenkrieges:
„Wo der Krieg auf beiden Seiten als ein nicht-diskriminierender
Krieg von Staat zu Staat geführt wird, ist der Partisan eine
Randfigur, die den Rahmen des Krieges nicht sprengt (...). Wird
aber mit Kriminalisierung des Kriegsgegners im ganzen gekämpft
(...), ist sein Hauptziel die Beseitigung des feindlichen Staates,
dann wirkt sich revolutionäre Sprengwirkung der Kriminalisierung
des Feindes in der Weise aus, daß der Partisan zum wahren
Helden des Krieges wird. Er vollstreckt das Todesurteil gegen
den Verbrecher und riskiert seinerseits als Verbrecher oder Schädling
behandelt zu werden.“
Carl Schmitt hat diese Zeilen seiner „Theorie des Partisanen“
1963 veröffentlicht, also zu einer Zeit als der Partisanenkrieg
des Zweiten Weltkrieges (Sowjetunion, Jugoslawien etc.) unmittelbar
in Erinnerung war und man erkannte, daß der Weltanschauungskampf
erst die „absolute“ Feindschaft provozierte. Auch
heute geht es um eine weltanschauliche Auseinandersetzung im „Kampf
der Kulturen“ – hier der „Kreuzzug“ des
Westens, dort der „Heilige Krieg“ im Osten. Der Feind
ist nun wieder zum absoluten Feind und der Krieg zum absoluten
Krieg geworden.
Im Dezember 2001 berichteten die etablierten Medien, daß
die USA und die mit ihnen verbündeten Truppen der „Nordallianz“
bei ihrem Krieg in Afghanistan sämtliche Regeln des Kriegsrechts
ignorierten: So soll es unter den Augen von US-Soldaten zu Massenexekutionen
von Taliban-Kriegsgefangenen gekommen sein. Ausländische
„Gotteskrieger“ (Araber, Pakistani und Tschetschenen),
die im Auftrag der Taliban als reguläre Truppen kämpften,
sollen nach Gefangennahme sofort liquidiert worden sein. Wundert
es da noch, daß sich diese ohnehin fanatisierten Soldaten
– spätestens nach solchen Berichten – niemals
ergeben und stattdessen die grausame Taktik des Partisanen ergreifen
werden?
Es muß die Frage gestattet sein: Warum soll sich heute ein
Araber oder Paschtune überhaupt noch eine Uniform anziehen,
wenn er sich gegen die USA wehren will und er nach Gefangennahme
ohnehin den Kopfschuß verpaßt bekommt oder im Raubtierkäfig
von Guantanamo landet? Warum sich nicht gleich zum Selbstmordattentäter
ausbilden lassen? Werden die USA die Geister nun nicht mehr los,
die sie selbst durch ihre Weltmachtpolitik hervorgerufen haben?
Es gäbe noch viele Fragen zu stellen. Als Gewißheit
dürfte allerdings gelten, daß der globale Partisanenkampf
geschichtlich als dichotomisches Gegenstück zur europäischen
Staatenordnung gelten kann. Letztere wurde planvoll von den Globalisten
beseitigt, weshalb sie nun verdientermaßen die Folgen des
globalen Terrors zu tragen haben.
Die USA und die „Westliche Zivilisation“ haben diesen
Feind deshalb verdient, weil sie die Voraussetzungen der wirklichen
Zivilisation, die einmal in unseren Breiten geherrscht hatte,
nämlich die des klassischen europäischen Völkerrechts,
das den Krieg maßgeblich zivilisierte („hegte“)
und vor allem zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten unterschied,
ganz planvoll seit dem Jahr 1919, der Unterzeichnung der Völkerbundsatzung
und der Pariser Vorort-Verträge gebrochen haben. Der Diskriminierung
des Feindes zum Schuldigen und Verbrecher folgte 1928 im Briand-Kellogg-Pakt
das ausdrückliche Verbot des Angriffskrieges, weshalb Carl
Schmitt 1938 in seiner Schrift „Über das Verhältnis
der Begriffe Krieg und Feind“ zurecht konstatierte, daß
von nun an der „Angreifer als Feind bestimmt“ war.
Die Frage, warum einer angreift, wurde somit aber bewußt
verdrängt. Und die westalliierten Sieger des Ersten Weltkrieges
hatten auch allen egoistischen Grund dazu: Die Diskriminierung
des Angreifers richtete sich in erster Linie gegen das seiner
territorialen und wirtschaftlichen Ressourcen ausgeplünderte
und mit der Alleinkriegsschuld diffamierte Deutsche Reich, das
die Westalliierten wegen eines zu befürchtenden Revanchekriegs
als künftigen Bösewicht damit gleich präventiv
brandmarken wollten.
Dieses Verhängnis hat sich bis heute fortgesetzt. Auch in
Artikel 1 Nr. 1 und Artikel 2 Nr. 4 der UNO-Charta hat das Kriegs-
und Gewaltverbot in seiner kodifizierten Form seinen Niederschlag
gefunden.
Die Souveränität eines Staates bemißt sich danach
– um es mit Carl Schmitt auf den Punkt zu bringen –,
ob er in der Lage ist, über den Ausnahmezustand – innen-
wie außenpolitisch – zu entscheiden. In der Außenpolitik
bewahrheitet sich deshalb die Souveränität eines Staates
zugespitzt in der Frage, ob er überhaupt in der Lage ist,
selbstherrlich seinen Feind zu bestimmen und gegen ihn Krieg zu
führen.
Wer aber schon seiner geistigen Fähigkeiten beraubt ist,
dürfte auch nicht mehr in der Lage sein, seinen „wirklichen
Feind“ (Carl Schmitt) zu erkennen, geschweige denn, ihn
beim Namen zu nennen und anzugreifen. Dafür beteiligt er
sich dann als US-Vasall am „Kreuzzug“ gegen einen
„absoluten Feind“, heute – ganz pauschal –
gegen „Islamisten“ und den „Internationalen
Terrorismus“.
Die Absolutheit des Feindes läßt dabei kein rationales
Differenzierungsvermögen mehr zu. Der Deutsche oder Araber
wird nicht als solcher vom Westen akzeptiert, sondern nur in seiner
degenerierten Vasallenform. Entspricht er dieser nicht, dann gilt
er als „Rechtsextremist“, „Antisemit“,
„Islamist“ und „Terrorist“, den es zu
vernichten gilt.
Den „Rechtsextremisten“ gilt es im geistigen Bürgerkrieg
des liberalen Parteienstaates zumindest sozial zur Strecke zu
bringen, dem arabischen Nationalisten wird heute schon das physische
Existenzrecht – trotz Menschenrechtsgeschwafel – abgesprochen.
Die rhetorische Frage, die sich die Gegenwartsdeutschen nicht
stellen dürfen, die aber heute schon der Schmittianer aufwirft,
lautet: Sind die USA möglicherweise der „wirkliche
Feind“ der europäischen Nationen, der uns in einen
Dritten Weltkrieg gegen den „absoluten Feind“ der
Amerikaner hineinhetzen will?
IV. Der Deutsche als ewiger Vasall
Soweit zur weltpolitischen Lage. Welchen politische Rolle spielen
hierbei die Deutschen? Erinnert sei an das Lied von Ernst Moritz
Arndt: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ ... .“
In der zweiten Strophe heißt es: „So wollen wir, was
Gott gewollt, mit rechten Treuen halten und nimmer im Tyrannensold
die Menschenschädel spalten: doch wer für Tand und Schande
ficht, den hauen wir in Scherben, der soll im deutschen Lande
nicht mit deutschen Männern erben.“
Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet das, daß die
deutsche Bundeswehr in Afghanistan für Tand und Schande ficht
und bereit ist, im US-Tyrannensold die Menschenschädel zu
spalten.
Daß Vaterlandsliebe und Gehorsam zur Obrigkeit auseinanderstreben
können, hat bereits Heinrich von Kleist in seiner „Germania
– Katechismus der Deutschen“ dargelegt. In einem Zwiegespräch
fragt der Vater seinen Sohn, die beide im sächsischen Meißen
leben, welchem Vaterland denn nun der Gehorsam gelte – dem
sächsischen Landesherrn, der als Rheinbundvasall Napoleon
unterstützt oder Kaiser Franz dem Zweiten von Österreich,
dem Kaiser aller Deutschen, der im Jahre 1809 das Reich im Kampf
gegen Napoleon wiederherstellen will.
Die gemeinsame Antwort von Vater und Sohn fällt eindeutig
aus: Der Feind ist der fremde Tyrann und seine inländischen
Vasallen, welche die Fremdherrschaft stützen. Auch wenn nach
den von Erzherzog Karl bei Aspern und Eßling gewonnenen
Schlachten der Befreiungsversuch durch die Niederlage bei Wagram
verloren ging, so erlosch damals nicht das Feuer der Freiheit,
das in starken deutschen Herzen loderte, so daß das Befreiungswerk
doch noch gelingen konnte: und zwar 1813 in der Völkerschlacht
bei Leipzig, als die Rheinbundtruppen ins Lager der Preußen
und Österreicher überwechselten und endgültig 1815
bei Waterloo.
Eine solche vaterländische Leistung war aber nur möglich,
weil das Freiheits- und Ehrgefühl in den Jahren der napoleonischen
Fremdherrschaft ungebrochen war und der unehrenhafte Vasall unter
aufrechten Deutschen zutiefst verachtet wurde.
Die Geschichte ist jedoch Vergangenheit und kann uns nur Lehren
für Gegenwart und Zukunft aufzeigen. Wir sollten heute, im
Jahre 2002, nicht nur weltpolitische Visionen entwerfen, sondern
zuallererst in unserem eigenen persönlichen Umfeld wirken.
Das wirft die Frage auf: Was ist zu tun? Was kann jeder einzelne
von uns gegen die amerikanische Weltherrschaft tun? Wir müssen
vor allem – um es mit dem Soziologen Henning Eichberg auszudrücken
– den Amerikaner in uns selbst bekämpfen.
Wir müssen vor allem den Nutznießer der Fremdherrschaft
im eigenen Land als solchen kenntlich machen. Mahatma Gandhi sagte
einmal:
„Kein Volk kann auf die Dauer unterjocht werden, wenn es
nicht irgendwann an seiner Unterjochung mitwirkt."
Ich meine, in unserem Land wirken viel zu viele an der Fremdherrschaft
mit, wollen zur „westlichen Wertegemeinschaft“ unbedingt
dazugehören. Mit diesen Landsleuten sollten wir uns kritisch
auseinandersetzen – wir sollten sie als erbärmliche
Vasallen der US-Fremdherrschaft in Deutschland brandmarken.